Das Teenager-Idol veröffentlicht ein neues Album.
Es ist Zeit, Bieber endlich als echten Künstler zu sehen.

In den vergangenen Jahren zeichneten die Medien ein Porträt des Künstlers als junger Idiot. Bieber als Verkehrsrowdy, Bieber als notorischer Kiffer, Bieber als Diva. Zuweilen konnte man den Eindruck gewinnen, der 21-Jährige sei für seinen Penis berühmt und nicht für seine Musik. Bieber lebt schon sein halbes Leben in totaler Öffentlichkeit. Ein trauriges Experiment, in dem man einem Heranwachsenden seine Privatsphäre genommen hat.

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Sein Album „Purpose“ ist nun die Eigentherapie eines einsamen Herzens. „Love Yourself“, „No Pressure“ und „Life Is Worth Living“? Die Songtitel von „Purpose“ lesen sich wie ein Selbsthilfe-Ratgeber. Demut ist ein Leitmotiv dieser Platte. Der Gott der „Belieber“ hat einen eigenen Gott. Und der ist auf „Purpose“ präsenter als je zuvor. So sehr sogar, dass die Platte, deren Cover an christlicher Symbolik nicht spart, in einigen Ländern des Nahen Ostens mit einem anderen Motiv erscheint.

Der Pop-Express jagt in Richtung elektronische Tanzmusik-Hölle

Justin Bieber singt immer noch Ermächtigungshymnen gegen teenage angst, aber er singt sie mehr und mehr für sich selbst. Denn Biebers Fans sind erwachsen geworden und das ist ein Problem. Wie der Lieblings-Teddy wächst auch ein Teen-Star nicht mit und Justin Bieber steckt in der Klemme. Wie schafft er es, seine persönliche Entfaltung, die Entwicklung seiner Anhänger und den eigenen künstlerischen Anspruch miteinander zu vereinen? Unter diesen Umständen ist „Purpose“ ein Befreiungsschlag.

Das Album oszilliert zwischen massentauglichem Dance-Pop und saftig wummerndem R’n’B mit überraschenden Gastauftritten (Nas!). Allein dieses wunderbare Triple in der Mitte von „Purpose“: „Company“, „No Pressure“, „No Sense“. Pop auf der Höhe der Zeit, aus der Feder von Songschreiber Jason Boyd alias Poo Bear, der neben seinem kanadischen Freund auch schon R’n’B-Größen wie Usher mit Hitmaterial beliefert hat und „Purpose“ kürzlich als Biebers „Thriller“ bezeichnet hat.

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Aber schon ein paar Songs später steht Skrillex, der berühmteste Spring Breaker und Bass Dropper der Welt, hinter dem Mischpult und jagt den Pop-Express Richtung elektronische Tanzmusik-Hölle. So nervtötend die stroboskopische Generationenklage „Children“ ist, so bemerkenswert ist „Where Are Ü Now“. Gemeinsam mit DJ und Produzent Diplo hat Skrillex ein Stück Pop-Geschichte geschaffen, dessen Entstehungsprozess die New York Times in einem eigenen Web-Feature offen legte.

Die beiden Laptop-Tüftler zerstückelten ein Sample von Biebers Stimme, setzten es neu zusammen und bearbeiteten es bis zur Unkenntlichkeit. Das Ergebnis: ein Sound, irgendwo zwischen Delfin und Violine, ultimativ artifiziell und gleichzeitig von menschlicher Wärme. Am Ende steht „Where Are Ü Now“ exemplarisch für den Zirkus Bieber: Wir, die Zuschauer, berauschen uns an der Attraktion, vergessen aber, dass in der Maschine auch ein Mensch steckt. Und irgendwo hinter der 42. Spur singt Justin Bieber sein trauriges Liebeslied.